Spinnradbau: Schwungrad drechselnDas ausgeliehene alte Spinnrad steht als Referenzobjekt auf meiner Werkbank. Jedes Detail habe ich mir genauestens angesehen, ausgemessen, skizziert und mir Gedanken gemacht, welche Probleme beim Anfertigen der einzelnen Teile entstehen könnten.

Spinnradbau: 3D-Sketch erstellenAus dem Internet weiß ich, dass es sich um einen "Bock" handelt. Anders als bei "Ziegen" ist beim Bock die Spindel über dem (relativ kleinen) Antriebsrad angeordnet. So ergibt sich eine platzsparende Bauweise und die Spitzenhöhe meiner Drechselbank reicht gerade noch aus, um das Antriebsrad, ohne den Spindelstock zu verdrehen und mit Unterstützung des Reitstockes drechseln zu können. Um meine Erfahrungen, die ich bereits mit SketchUp gesammelt habe, weiter auszubauen, gehe ich mit meinen Skizzen zum Computer und beginne mit der "Fertigung" eines virtuellen Spinnrades. Zwischendurch lese ich (fast) alles, was Google so über Spinnräder findet. So kenne ich nun den Unterschied zwischen einfädigen und zweifädigen Spinnrädern und weiß wie eine Flügel- oder Spulenbremse funftioniert. Dann kommt mir die Frage in den Sinn, wie ich in meinem 3D-Sketch die Gewindespindeln darstellen kann. Bei Youtube finde ich dazu ein Videotutorial. Auch nach mehrmaligem Anschauen kann ich die einzelnen Schritte noch nicht auswendig nachvollziehen! Ich werde mir Notizen machen müssen... Irgendwann werde ich die Zeichnung vollenden. Versprochen! Aber jetzt zieht es mich doch wieder zurück in meine reale Welt, die Holzwerkstatt!

SketchUp-Modell: Spinnrad hiddenLINK hiddenLINK hiddenLINK hiddenLINK hiddenLINK hiddenLINK Nachtrag Januar 2017: Der Weihnachtsmann hat mir einen neuen Laptop beschert. Darauf läuft nun auch die aktuelle (64-bit-) Version von SketchUp. Beides auszuprobieren bot dann genügend Motivation, meine Absichtserklärung einzulösen und die angefangene Zeichnung endlich zu vollenden! - Ein kurzes Augentraining und ein paar Rückenübungen werden hoffentlich die Strapazen schnell vergessen lassen!

Die SketchUp-Datei des Spinnrades steht am Ende dieses Artikels zum Download bereit!
(Erfordert die Installation von SketchUp 2017 auf ihrem Computer!)

Spinnradbau: Montageplatte für SchwungradDie freundliche Ermahnung meiner Frau:"Vergiß nicht Fotos zu machen, sonst bedauerst du nachher wieder, dass du dein Projekt nicht ins Internet stellen kannst!" kommt spät: Das Antriebsrad ist längst verleimt und fertig gedrechselt. Da die Radnabe breiter als der Radkranz und zudem schon fest mit der Metallachse verbunden ist, brauchte ich zum Verleimen eine ebene Auflagefläche, welche in der Mitte eine Aussparung für die Radnabe hat. Für das (nachträgliche) Foto habe ich das fertige Rad nocheinmal auf diese Vorrichtung gelegt. Hier hatte es auch gleich einen sicheren Platz bis zum Zusammenbau des Spinnrades.

Spinnradbau: lange Säule drechselnMan könnte annehmen, wenn das aufwändigste Teil, das Antriebsrad gelungen ist, dürfte es keine weiteren Drechselprobleme - ich wollte natürlich Spannprobleme sagen - mehr geben. Aber zum spannen der langen hinteren Säule reicht die Spitzenweite meiner Drechselbank bei weitem nicht aus! Aber zum Kauf einer Bettverlängerung (zum Preise eines Spinnrades!) muss es doch eine günstigere Alternative geben! - Schon früher hatte ich mal die Idee, Bett und Reitstock meines DBF-Gerätes als provisorische Bettverlängerung zu mißbrauchen. Aus diesem Grunde hatte ich auch schon die Höhe des Drechselbankbettes passend zur Oberkante meiner Bildhauerbank ausgerichtet aber Mangels einer echten Notwendigkeit die Idee dann nicht weiter verfolgt. Etwas "Hebeakrobatik" ist erforderlich, bis das gewichtige DBF-Teil exakt plaziert und sicher verschraubt ist. Da mein verlängertes Bankbett - konstruktionsbedingt - eine Stufe besitzt, kann ich die Werkzeugauflage nicht über die gesamte Werstücklänge verschieben. Deshalb verwende ich zum Reitstockende hin einfach die Werzeugauflage des DBF-Gerätes.

Spinnradbau: lange Säule bohrenDamit es noch ein wenig komplizierter wird, braucht die lange Säule an der Stirnseite eine ziemlich tiefe Bohrung. Und natürlich passt die Bohrbrille, die ich mir für die Nova-DVR angefertigt habe auch nicht auf das DBF-Bankbett. Ein Stück Winkeleisen und ein Spanplattenrest sind schnell gefunden, etwas Silikonöl-Spray gegen das Quitschen in die Aufnahmebohrung und schon kann die Säule ihre Bohrung erhalten!

Spinnradbau: Basisplatte bohrenDie Bohrung in der langen Säule ist aber nicht das einzige "Loch", das einen gewissen Mehraufwand erfordert! Die unter 45° verlaufenden Löcher zur Aufnahme der Füsse in der Basisplatte sind eine weitere Herausforderung. Traditionell wurde hier wohl mit Brustleier, Schlangenbohrer und Schmiege gearbeitet. Aber: Ich habe doch gar keine Brustleier! Doch der Mehraufwand hat sich gelohnt: Die Bohrungen sind sehr genau und völlig frei von Ausrissen!

Spinnradbau: Basisplatte - Eckradien fräsenDie gut gelungenen schrägen Bohrungen haben mich mutig gemacht: Ich mißbrauche nun gleich noch einen 35er Forstnerbohrer als Fräser zum verzieren der Ecken der Basisplatte. Sehr festes Aufspannen des Werkstückes auf dem Bohrtisch ist dazu ein Muss!

Spinnradbau: Trittbrettlager in vordere Füße bohrenOpps! Das hätte ich beihnahe übersehen: Die Bohrungen in den Vorderfüßen, die als Aufnahmelager für das Fußpedal dienen, verlaufen nicht unter 45°! Etwas erschrocken greife ich nach der Schmiege, um den passenden Winkel direkt vom Werkstück abzugreifen. (Mein alter Mathelehrer hätte es sicher lieber gesehen, wenn ich ein bischen gerechnet hätte!)

Spinnradbau: altes geschnittenes und neues gefrästes AußengewindeIn meinem Beitrag hölzerne Gewinde fräsen habe ich bereits meine Gewindefräseinrichtung , die ich hauptsächlich aus Teilen meines DBF-Gerätes zusammengestellt habe, ausführlich beschrieben. Nun freue ich mich darauf, diese für mein Spinnradprojekt wieder einmal sinnvoll nutzen zu können! Traditionell wurden derartige Gewinde geschnitten. Im nebenstehenden Foto erkennt man am Ende des Gewindes der Spindel aus dem hellen Birkenholz, die von dem alten Spinnrad stammt, welches mir als Muster dient, den Eindruck der V-förmige Schneide des Gaißfußes der Schneidkluppe. Das Gewinde in dem dunkleren Birnbaumholz habe ich gefräst, gut zu erkennen an dem trichterförmigen Endverlauf des Gewindeganges, den der Fräser mit seiner kegelförmigen Schneidenflugbahn erzeugt.

Spinnradbau: alte und neue Mutter im VergleichDie Muttern des alten Musterspinnrades sind einfach in quadratisch zugesägte Querholzstückchen geschnitten. Da ich bei meinem Freizeitprojekt nicht im Akkord arbeiten muss, will ich mir da etwas mehr Mühe geben!

Spinnradbau: Fräsen einer GewindespindelDa ich das schwere DBF-Gerät wie beim Drechseln der langen hinteren Säule beschrieben, auf das Drechselbankbett hieven musste, schiebe ich das Gerät einfach weiter in Richtung Spindelstock der NOva-DVR und führe hier auch gleich die Gewindefäsarbeiten aus. Hier habe ich eine optimale Arbeitshöhe und gute Lichtverhältnisse.

Spinnradbau: Fräsen der GriffmuldenZum Fräsen der Griffmulden kann ich durch diesen Aufbau sogar die integrierte Teileinrichtung der Nova-DVR nutzen!

Spinnradbau: hinteres Spindellager (alt) mit BruchstelleDas nebenstehende Foto zeigt den hinteren Lagerbock für die Spinnspindel. Die zugehörige Holzschraube ermöglicht die Höhenverstellung und damit das Justieren der Spannung der Antriebsschnur. (Beim zweifädigen Spinnrad bestimmt diese Einstellung, wie stark das frisch gesponnene Garn eingezogen wird!) Als ich sehe, dass der Lagerbock irgendwann zerbrochen und - sehr laienhaft - geklebt wurde, "ernenne" ich hinteres und vorderes Lagerböckchen zu Verschleißteilen und beschließe, diese bei meinem Spinnrad auswechselbar zu machen.

Spinnradbau: hinteres Spindellager (neu) mit austauschbarem LagerbockHier ist mein Lösungsansatz für das hintere Lager zu sehen: Eine Nut im Lagerböckchen und eine passend angefäste Feder an der hölzernen Mutter sichern die beiden Teile gegen Verdrehen und eine M6-Schraube verbindert die Teile lösbar miteinander. So läßt sich das Lagerböckchen leicht auswechseln, Etwa bei Beschädigung oder um andere Spinnspindeldurchmesser aufnehmen zu können (z.B. Jumbospindeln zum Verzwirnen dicker Effektgarne)

Spinnradbau: vordere Spindellager alt und neu zum VergleichUnd hier die vorderen Spindellager (alt und neu) zum Vergleich: Statt das Lagerböckchen am Kopf der Holzschraube zu verdübeln und zu verkleben, habe ich es in ein in den Schraubenkopf gefrästes Langloch gesteckt und mit einem kleinen Holzschräubchen gesichert.

Spinnradbau: Spindel, Spule und Flügel (alt)Leider hat der metallene Spinnflügel, wie ich ihn bei dem mir für den Nachbau zur Verfügung gestellten Spinnrad vorfinde, gar nichts mit den hübsch geschwungenen hölzernen "Flyern" zu tun, wie ich sie schon oft in Museen oder auf Abbildungen gesehen habe! Außerdem wundere ich mich darüber, dass der Durchmesser der Antriebsscheibe für die Spindel kleiner ist, der Durchmesser für den Antrieb der Spule! Schließlich habe ich im Internet irgendwo gelesen, dass dies bei einem zweifädigem Spinnrad in aller Regel umgekehrt sein sollte und man andernfalls möglicherweise davon ausgehen müsse, dass irgendwann ein findiger Bastler einfach Teile von zwei verschiedenen Spinnrädern verbaut hat! Inzwischen habe ich die Konstruktion getestet: Richtig spinnen kann ich zwar noch nicht, aber mit den gegebenen Scheibendurchmessern gelingt es, die Fadenspannung so einzustellen, dass ich einen Probefaden verdrillen und einziehen (aufwickeln) kann!

 

Spinnradbau: Spindel, Spule und Flügel (neu)Trotzdem: Ich entschließe mich, für einen Holzflügel. Es macht einfach einen riesigen Spaß, die Außenkontur aus einem lustig auf der Drechselbank herumflatternden Brett zu drechseln! Bei den Schnurscheiben halte ich mich an mein Wissen aus dem Internet: kleiner Durchmesser für die Antriebsscheibe der Spule und größerer Durchmesser für die Antriebsscheibe der Spindel (welche mit dem Flügel verschraubt wird).

Spinnradbau: Spindel, Spule und Flügel  zerlegt (neu)Ein Hintertürchen will ich mir aber doch offen lassen und drechsle deshalb separate Schnurscheiben. Diese verschraube ich mit je zwei Holzschräubchen an Spule bzw. Spindelwirtel. Falls ich irgendwann an Spinnmeisterschaften teilnehmen sollte, könnte ich mein Rad bei Bedarf durch keinere Scheiben schneller machen! Auch einen weiteren Tipp aus dem Internet habe ich umgesetzt: Die kleine Spulenscheibe hat eine u-förmige Nut und die große Spindelscheibe eine v-förmige Nut erhalten. So kann die Antriebsschnur auf der Spulenscheibe leichter durchrutschen. Das soll besonders wichtig sein, beim Spinnen mit langem Auszug!

Spinnradbau: das fertiggestellte Spinnrad (Komplettansicht)Auch habe ich mir angelesen, dass Spinnräder traditionell (meist) ohne Oberflächenbehandlung die Drechslerwerkstatt verließen. Einen "Farbkünstler" mit dem Finish zu beauftragen oder den Pinsel selbst in die Hand zu nehmen, oblag dann dem Käufer! Wie das damals bei dem nach meiner Meinung eigentlich zeitlos schönen Musterspinnrad genau gelaufen ist, weiß ich natürlich nicht! Sicher ist aber: Es hat jemand lackiert, der keine Lust dazu hatte!
Auch ich würde lieber gleich mein nächstes Projekt starten, nachdem alle Teile perfekt zusammenpassen! Aber mit den Jahren habe ich wohl gelernt, die Zeit und Geduld einzuplanen und aufzubringen, die nötig sind um einer Sache auch noch den sprichwörtlich "letzten Schliff" zu verpassen!

Spinnradbau: das fertiggestellte Spinnrad (Detailansicht)Endlich geschafft! - Nun können die Nacharbeiten beginnen: Ein paar Fotos, einen Bericht für die Website..

Spinnradbau: "Lazy Kate"..zum Verzwirnen der selbst gesponnen Garne wäre auch eine "Lazy Kate" ein nützliches Zusatzprojekt! - Wie sagt doch Goethe: "ein Wunsch, ist er erfüllt, kriegt augenblicklich Junge!"

 

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