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Ohne Fleiß kein Preis

tmb coindevice 00Ein „Zauberlehrling“ muss schon eine Weile üben, bevor er die Fingerfertigkeit besitzt, mit bloßen Händen vor den Augen seines staunenden Publikums eine Münze verschwinden zu lassen. Mit dem passenden gedrechselten Zaubergerät wird der Trick jedoch zum Kinderspiel. Allerdings: Wer nicht gerade ein Zauberer ist, muss auch das Drechseln erst tüchtig üben.

 

 

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Die Anregung zu meinem kleinen Drechselübungsprojekt: „Disappearing Coin Device“ (Gerät zum Verschwinden lassen einer Münze) stammt aus dem englischsprachigen Büchlein „Wonders in Wood“ by Edwin M. Wyatt.

Die Zeichnung Bild 1 zeigt das etwas altertümlich geformte und mit einer Folge von Rundstäben dekorierte Holzdöschen etwa so, wie es im erwähnten Buch gezeigt und beschrieben wird. Die Schnittzeichnung verrät uns auch schon das Geheimnis, das es in sich trägt: Ein „doppelter Boden“, der allerdings durch die mehrfache Wiederholung der Rundstabprofilierung vor den Augen des meist allzu gutgläubigen Publikums verborgen wird.

Statt einer Schritt-für-Schritt-Anleitung, die für den Einen vielleicht eher langweilig, für den Anderen aber schon zu kompliziert sein kann, möchte ich diesmal lieber versuchen, Hilfestellungen beim Finden eines eigenen Lösungsweges zu bieten. Handeln wir also gemeinsam nach dem altbewährten Motto: „Erst besinn´s, dann beginn´s!“

Schwierigkeitsgrad den eigenen Fähigkeiten anpassen

Wer seine Projekte so auswählt oder gestaltet, dass sie im Schwierigkeitsgrad den eigenen derzeitigen Möglichkeiten und Fertigkeiten entsprechen, kann Fehlschläge und Enttäuschungen von Anbeginn minimieren und sich kontinuierlich verbessern und weiterentwickeln. Um zu zeigen, wie das gemeint ist, habe ich versucht, das Design so zu verändern, dass es einfacher zu fertigen ist. Bild 2 zeigt meine „vereinfachte“ Variante: Aus der ursprünglichen, komplexeren „Urnenform“ mit angedrehtem Fuß und Deckelgriff wurde ein simpler Zylinder. Ein Teelichteinsatz am oberen Ende sorgt dafür, dass die Arbeit trotzdem nicht langweilig wirkt. Das Teelicht ist hier keinesfalls nur unnötiges Beiwerk, sondern unterstützt das geplantes Täuschungsmanöver: Das Kerzenlicht blendet die Zuschauer und lenkt vom genauen Tun des Vorführenden ab; Illusionisten kennen diese „magische“ Wirkung von Kerzenflammen und nutzen sie oft und gern. (Auch der Drechsler kann übrigens mit der eingesetzten Metalltülle für das Teelicht etwas verbergen, nämlich kleine Unsauberkeiten wie Eindrücke der Innenbacken des Spannfutters bzw. der Körnerspitze.) Wem auch diese Projektvariante noch zu schwierig erscheint, könnte den Teelichtständer zunächst einmal ohne „Zauberfunktion“ anfertigen und dabei besonders das saubere, gleichmäßige Drechseln der Rundstäbe einüben.

Für die „Drechsel- Experten“ unter den Besuchern meiner Site habe ich mir die in Bild 3 skizzierte Projektvariante ausgedacht, bei der die „gefangenen Ringe“ eine zusätzliche Herausforderung an das technische Können des Holzwerkers darstellen. Für machen Laien, der sich den Fertigungsprozess nicht recht vorstellen kann, haben die Ringe ja selbst etwas Magisches. Sie passen nicht nur ausgezeichnet zu dem Rundstabdekor, sondern erfüllen hier auch die Funktion, vom eigentlichen Trick abzulenken. Da die ganze Arbeit durch den dünnen Stiel und die beweglichen Ringe graziler und damit zerbrechlicher wirkt, wird der „Geprellte“ nicht sofort nach dem Objekt greifen und mit „roher Gewalt“ nach seiner verschwundenen Münze suchen.

Maße festlegen

Ganz bewusst habe ich in meinen Zeichnungen einmal auf Maßangaben verzichtet, denn ich möchte auch für die richtige Bemessung ihrer Drechselprojekte einige hilfreiche Regeln vermitteln: Genau wie die Form eines (Gebrauchs)- Gegenstandes werden auch seine Abmessungen durch seine Funktion bestimmt. In unserem Beispiel müssen wir also zunächst die Abmessungen des Gegenstandes kennen, den wir „verschwinden“ lassen wollen. Andererseits eignet sich unser Trick nur für recht flache Gegenstände: damit der doppelte Boden nicht allzu leicht bemerkt wird, darf er wohl kaum mehr als 5mm dick sein. Selbstverständlich müssen auch die Maße des menschlichen Körpers (bei kleinen Gegenständen insbesondere der Hand) mit in diese Überlegungen einfließen, damit der Gegenstand auch gemäß seiner Bestimmung bequem und gefahrlos benutzt (gehandhabt) werden kann. Weiterhin spielen ein Gefühl für optische Ausgewogenheit, Stabilitätsfragen, Abmessungen von Normteilen, Halbzeugen usw. (Teelichteinsatz) eine Rolle. Auch technologische Fragen (Spannbereiche von Zangenfuttern usw.), können für einige Maße bestimmend sein. Letztlich bestimmt aber das Design, welche Werkzeuge und Hilfsmittel gebraucht werden und nicht umgekehrt.

Materialauswahl

Eine seit langem - nicht nur im Ingenieurwesen - allgemein anerkannte Regel lautet: „So gut wie möglich, aber nicht besser als nötig.“ Diese Weisheit wollen wir künftig auch bei unserer Materialauswahl berücksichtigen. Die Tatsache, dass wir unser kleines Projekt ausdrücklich als Übung deklariert haben, könnte manchen Leser vielleicht auf den Standpunkt stellen: „Zum Üben ist der minderwertigste Werkstoff gerade gut genug“. Aber: Auch das Gespür, für eine bestimmte Arbeit das am besten geeignete Material zu erkennen und auszuwählen, muss erst erlernt, als geübt werden! Worauf kommt es in unserem Falle an?
Wir haben uns vorgenommen, ein Zaubergerät zu fertigen, welches aus drei Einzelteilen besteht. Der Zuschauer soll aber in den Glauben versetzt werden, es handle sich nur um zwei Teile. Daraus leitet sich die Forderung ab, ein möglichst dichtes, feinporiges, gleichmäßig gefärbtes Holz ohne auffällige Maserung zu verwenden, alle drei Teile von einem Kantel in der richtigen Reihenfolge ab zu längen und „oben“ und „unten“ bei jedem Einzelteil zu kennzeichnen. Dabei ist auch der Erfahrung Rechnung zu tragen, dass sich scheinbar tolerierbare Farbunterschiede nach der Oberflächenbehandlung wesentlich verstärken werden. Aus dem gleichen Grunde sind Holzabschnitte, die sowohl Kern als auch Splintanteile enthalten, für unsere Anwendung recht ungeeignet.
Um die Täuschung perfekt zu machen, müssen die Teile mit großer Leichtigkeit exakt übereinander positioniert werden können. Dazu werden jeweils kurze „Zapfen“ angedreht, die in flache Spundlöcher passen. Der Zaubertrick kann nur dann perfekt gelingt, wenn diese Passungen genau das richtige Spiel haben; zu straffe Passungen verklemmen und lassen sich kaum unbemerkt lösen. Bei zu großem Spiel, werden die Einzelteile beim Zusammensetzen nicht mehr exakt zentrisch ausgerichtet, was ein aufmerksamer Zuschauer ebenfalls bemerken wird. Würden wir also kein fachgerecht getrocknetes und an die Luftfeuchte von Innenräumen angepasstes Werkholz verwenden, würde das Werkstück später nachtrocknen und weder maßhaltig noch formtreu bleiben. – Die Arbeit wäre verdorben.

Vorbereitende Übungen

Besonders Denjenigen, die nur gelegentlich drechseln, empfehle ich, die benötigten Arbeitstechniken erst einmal an Reststücken der ausgewählten Holzart auszuprobieren. So kann auch gleich kontrolliert werden, ob alle nötigen Werkzeuge und Hilfsmittel vorhanden und in Top- Zustand sind und man bekommt die nötige Sicherheit und ein Gefühl für Material, Werkzeug und die zu erstellende Form.

- Spund und Zapfen

Sowohl für viele Holzkonstruktionen als auch als Technik zur Befestigung eines Werkstückes an der Drechselbankspindel gehört die Fähigkeit, präzise zusammenpassende Kombinationen von Spundloch und Zapfen herstellen zu können, zu den wichtigsten Grundtechniken des Drechselns und spielt auch für unser Drechselprojekt eine wichtige Rolle. Auch wenn insbesondere die Anfertigung spezieller Spundfutter bzw. Spannzapfen durch moderne Vierbackendrechselfutter oft umgangen werden kann, sollte dies beherrscht werden.

- Rundstäbe

Rundstäbe lassen sich grundsätzlich schneidend, mit Formröhre und Meißel, oder schabend mit einem speziellen Rundstabeisen fertigen. Natürlich haben beide Techniken Vor- und Nachteile (Tabelle1)

Tabelle 1

Die schneidende Methode zur Herstellung von Rundstäben kann man statt mit der in Bild 15 verwendeten schmalen Formröhre auch mit einem schmalen Meißel mit quadratischem Querschnitt (Bild 4-1) oder einem sog. Dreipunkteisen (Bild 4-2) einüben. Das Schabeisen zur Rundstabherstellung (Bild 4) lässt sich sehr gut zum genauen Anreißen der Breite der Rundstäbe verwenden (Bild 14). Ansonsten sollte es aber nur zum Korrigieren der mit Meißel oder Formröhre „geschnittenen“ Form verwendet werden. Dabei muss es ziemlich tief angesetzt werden (Bild 16).

- schmale tiefe Hohlkehlen

Wer sich für unsere Projektvariante nach Bild 1 entschieden hat, sollte zumindest sicherstellen, dass er über eine entsprechend schmale Formröhre verfügt und deren korrekte Handhabung beherrscht. Wer hier eher noch unsicher ist, kann auch mit einem sog. „Wedge-tool“ (Bild 4-3) experimentieren oder die Werkzeichnung nach Bild 1 so abändern, dass zwischen Fuß und Rumpf des Döschens eine breitere Hohlkehle entsteht.

- gefangene Ringe

Für das (Fertig-)Drechseln gefangener Ringe ist seit Längerem ein Werkzeug (ähnlich Bild 4-5) auf dem Markt, dass von beiden Seiten eingesetzt werden kann. Da auch dieses Werkzeug schabend wirkt, sollte es erst dann zum Fertigdrechseln zum Einsatz kommen, wenn mit Meißel und Formröhre ausreichend Platz geschaffen und die Form bereits so weit wie möglich angelegt wurde. Wer den Ehrgeiz hat, möglichst viele gefangene Ringe auf einer kurzen Strecke unterzubringen, wird sich ein Werkzeug ähnlich Bild 4-6 selbst zurechtschleifen müssen. Hat sich der Ring schließlich vom übrigen Werkstück abgetrennt, ist noch etwas Schleifarbeit von Hand angesagt, um den feinen Grat sauber zu entfernen, der sich im Ringinneren gebildet hat. Damit das Weiterarbeiten durch den nun wild herumtanzenden Ring nicht behindert wird, kann er wie in Bild 18 gezeigt mit Klebeband am Werkstück vorübergehend fixiert werden. Wer jedoch plant, Artikel mit gefangenen Ringen häufiger zu drechseln, sollte sich ein kleines Stativ, gewissermaßen als „dritte Hand“ anfertigen, an dem sich die Ringe mittels einer Klammer, Drahtschlinge o. ä. sicher befestigen lassen.

Reihenfolge der Arbeitsschritte optimieren

Die sorgfältige Planung einer zweckmäßigen Arbeitsfolge spart nicht nur Zeit, sondern hat auch entscheidenden Einfluss auf die Qualität der Arbeit. Zumindest Anfänger sollten ihr „Storyboard“ unbedingt zu Papier bringen. Unsere Detailfotos (Bild 5 bis Bild 18) sollen hierzu Denkanstöße vermitteln. Kleine Skizzen, am besten in der jeweiligen Fertigungslage gezeichnet, sagen (auch hier) mehr aus als Worte. Ein gutes Konzept sollte zu häufiges Umspannen vermeiden. Besonders beim Fliegend-Drechseln soll die Arbeit so geplant werden, dass sie „zum Futter hin“ ausgeführt werden kann, um das Schwingen des Werkstückes bis zum Schluss klein zu halten.

Arbeitsausführung

Mein wichtigster Tipp für diese Phase lautet: Cool bleiben! Nichts ist hier schädlicher als blinder Eifer. Nur wer gewissermaßen über den Dingen steht, wird in der Lage sein, sich bei seiner Arbeit selbst zu beobachten, um auf Bauchgefühle und sachliche Wahrnehmungen sofort und richtig zu reagieren. Weichen sie nur in begründeten Ausnahmefällen von Ihrem geplanten Konzept ab, aber unterbrechen sie die Arbeit auch bei scheinbar nebensächlichen Problemen (stumpfes Werkzeug, fehlende Hilfsmittel, Unordnung am Arbeitsplatz, schlechte Lichtverhältnisse usw.) unverzüglich und beseitigen Sie zunächst das Übel!

Sicherheitshinweise

Verglichen mit dem Querholzdrechseln, oder dem Aushöhlen tiefer Gefäße sind die Unfallgefahren beim Langholzdrechseln als deutlich geringer einzuschätzen. Trotzdem ist Umsicht und die strikte Einhaltung der beim Drechseln geltenden Sicherheitsregeln geboten.
Wer sich für die Variante mit dem Teelicht entschließt, sei auf einen anderen wichtigen Sicherheitsaspekt hingewiesen: Bei diesem Objekt handelt es sich um ein „Zauberutensil“. Als Gebrauchsleuchter im Haushalt stellt es eine Unfallgefahr dar: Da niemand vermutet, dass ein Kerzenständer beim Aufheben in mehrere Einzelteile zerfällt, könnten Verbrennungen mit flüssigem Wachs die unangenehme Folge sein!

Auswertung

Genießen sie die Freude über die geleistete Arbeit! Verblüffen sie ihre Lieben, indem Sie deren Münzen „wegzaubern“! Aber: Vergessen sie darüber nicht, ihren Arbeitsablauf nochmals (selbst)kritisch zu durchdenken! So wandeln sie sogar eine weniger gelungene Arbeit um, in einen Riesenschritt zu ihrem nächsten, vollkommeneren Werk.