Objekt aus dem Daetz-CentrumLiechtenstein: Jedermann kennt diesen Kleinstaat zwischen Österreich und der Schweiz. Aber Lichtenstein ohne e in der ersten Silbe? Es ist eine sächsische Kleinstadt, die etwa in der Mitte zwischen Zwickau und Chemnitz liegt und eine Burg aus dem 12. Jahrhundert sowie ein Schloss aus dem 18. Jahrhundert besitzt. Neben dem Schloss befinden sich zwei neue Gebäude, die zum Daetz-Centrum gehören, und dieses Centrum ist es, das Lichtenstein so interessant macht. Das Daetz-Centrum ist ein weltweit einzigartiges Museum, das der Holzbildhauerei und Schnitzerei gewidmet ist und von dem Ehepaar Daetz gegründet und im Juli 2001 eingeweiht wurde. Hans-Günter wurde über seine Tochter auf das Museum aufmerksam und lud uns zu diesem Besuch ein.

 

 

Dr.habil. S. HuneckDr. habil. Siegfried Huneck ist der Autor des folgenden Berichtes über unseren Besuch des Daetz-Centrum
mirouBuddhamönch Mirou steht auf Sack mit Wünschen und bringt Glückseligkeit

Am 10. Januar 2004, einem Sonnabend, fahren wir mit Hans-Günters Mazda in Halle/S. los und erreichen über Peissen – Schkeuditzer Kreuz – Hermsdorfer Kreuz – Ronneburg – Crimmitschau – Meerane – Glauchau – Hohenstein-Ernstthal – Hermsdorf - Bernsdorf gegen 9.40 Lichtenstein. Während der ganzen Fahrt regnet es aus niedrig hängenden Wolken und das Gelände um Lichtenstein ist sogar schneebedeckt. Leider ist die Sicht vom Schlossberg wegen des schlechten Wetters sehr beschränkt. Das Schloss liegt oberhalb der Stadt und ist leicht zu finden. Das Museum ist in einem rechteckigen mehrstöckigen Bau mit großen Fenstern untergebracht und umfasst derzeit 650 Exponate aus fünf Kontinenten (Europa, Asien, Afrika, Nordamerika, Südamerika). Im Daetz-Centrum finden ferner öffentliche Veranstaltungen, Tagungen und Konferenzen zur Weiterbildung statt und im September 2002 wurde der 1. Studiengang über „Internationale Holzbildhauerkunst“ eröffnet. Wir bezahlen das Eintrittsgeld und beginnen im Kellergeschoss unseren Rundgang. Im Gegensatz zu den meisten Museen mit großen Sälen sind hier die Exponate in relativ kleinen Räumen untergebracht und werden mit Kunstlicht beleuchtet. Leise Musik stimmt auf die Kunstwerke ein. Bei der Fülle und Vielfalt der gezeigten Kunstwerke und der zur Verfügung stehenden Zeit ist es nicht möglich, jedem Einzelnen die gebührende Aufmerksamkeit zu widmen, und so muss bei vielen ein Blick genügen. Schauen wir uns wenigstens ein Exponat etwas genauer an, und zwar die Figur mit dem merkwürdigen Titel "Buddamönch Mirou steht auf Sack mit Wünschen und bringt Glückseligkeit", eine erst 1996 von dem chinesischen Künstler Yu Ying Shun (aus Wenzouh) geschaffene Plastik. Die aus hellbraunem warmem Buchsbaumholz geschnitzte Figur stellt einen dicken pausbäckigen glatzköpfigen Mönch dar, der über das ganze Gesicht lacht und dessen Augen nur einen Spalt breit geöffnet sind. Der Mund des Mönches ist leicht geöffnet und zeigt dessen tadellose Zähne. Er steht auf einem Stoffsack, der mit einem langen Band und einer kunstvollen Schleife fest zugebunden ist. Das lachende Gesicht macht einem den Mönch sofort sympathisch. Um was für einen Mönch handelt es sich? Ein Bettelmönch, der tagtäglich seine einzige Mahlzeit erbetteln muss, ist er sicher nicht: dafür ist er zu wohl genährt. Er ist auch kein Asket, der einer Sekte angehört, die den Buddhismus mit missionarischem Eifer verbreitet. Eher dürfte der Mönch wohl situiert als Abt in einem buddhistischen Kloster leben, umgeben von Novizen und Dienern. Wie bei vielen Buddha-Statuen üblich, sind seine beiden Ohrläppchen übermäßig nach unten verlängert und um seine Brust schlingt sich eine Perlenkette, sicher nicht als Zeichen seines Reichtums, sondern als Rosenkranz mit einer heiligen Anzahl von Perlen. Eine Lotosblüte, auf der Buddha mit eingeschlagenen Beinen sitzt, ist einem Mönch natürlich unangemessen; stattdessen steht er – wie bereits erwähnt – auf einem Sack. Sein reich drapiertes Seidengewand lässt Brust, Bauch und Füße frei und wird unterhalb des Nabels von einem seidenen Gürtel mit Schleife gehalten. An seinem rechten Handgelenk baumelt eine Gebetsmühle, während die Finger seiner linken Hand einen rasselartigen Gegenstand (?) umfassen. Zwischen seinen Füßen schaut der Kopf eines Elefanten und eines Drachen hervor.Das Lächeln auf dem Gesicht des Mönches spiegelt seine Glückseligkeit wider: offenbar ist er mit sich und der Welt im Reinen und wähnt sich auf dem Weg ins Nirwana. Von einem Menschen, der auf dem Gipfel seiner Glückseligkeit ist, sagen wir „er ist wunschlos glücklich“ und dieses Gefühl kostet unser Mönch in der gezeigten Position aus. Er weiß aus der Lehre Buddhas, dass die allermeisten Wünsche Ursache für ein unzufriedenes Leben und daraus resultierende schlechte Taten sind. Darum hat unser Buddhamönch diese Wünsche in einen wohlverschlossenen Sack gesteckt und tritt sie mit seinen Füßen. Doch wer von uns besitzt eine solche Charakterstärke? Haben wir doch jeden Tag neue oder andere Wünsche und Begehrlichkeiten. Wie viele Gebete mag der Mönch mit seinem Rosenkranz und der Gebetsmühle gen Himmel geschickt haben und auf wie viele Wünsche mag er in seinem Leben verzichtet haben, ehe er diesen Zustand der Glückseligkeit erreichte? Eines steht fest: der Künstler möchte uns mit seinem Werk auf den rechten Buddhaweg führen und uns den Zustand der Glückseligkeit nahe bringen. An dieser Stelle sei noch eine kulturhistorische Bemerkung gestattet. Es ist erfreulich, dass im heutigen China solche Kunstwerke wieder entstehen können. Unter Mao Zedong und der Kulturrevolution hätte das Schnitzen eines Buddhamönches den Künstler Kopf und Kragen kosten können. Vorbei an einer Schnitzerei „Das afrikanische Abendmahl“ (von Tungatinabil) aus Ebenholz kommen wir durch einen Gang, an dessen Wand eine Reihe quadratischer (etwa 60 x 60 cm) farbenprächtiger Bilder aus der afrikanischen Tierwelt (Zebras, Vögel, Flusspferde, Giraffen, Elefanten, Löwen und Geparden) hängen, die im Kontrast stehen zu den Holzschnitzereien, die einen tiefen Eindruck in das Geistes- und Seelenleben afrikanischer Völker geben. Die Angehörigen von vielen afrikanischen Stämmen glauben auch heute noch an Zauberei und Geister und sensible Künstler sind in der Lage, diesen geistigen Zuständen gegenständlichen Ausdruck zu verleihen, wenngleich es für Jemand aus dem europäischen Kulturkreis schwierig ist, diese Zustände nachzuempfinden oder gar die Skulpturen zu interpretieren. Diese Schwierigkeiten hat man beim Betrachten der Holzschnitzereien aus islamischen Ländern nicht, denn der Koran verbietet jegliche Darstellung von Gott und Menschen. Die muslimischen Künstler mussten ihre Ideen und Fähigkeiten auf andere Weise verwirklichen: sie griffen auf die unendliche Vielfalt von Linien, Mustern und Mosaiken zurück und schufen wahre Meisterwerke, wie z.B. die Kuppel einer Moschee (aus dem Holz der Atlaszeder) von dem marokkanischen Holzschnitzer Kamal Bellamine. Nach dem zweistündigen Rundgang stärken wir uns in der Cafeteria des Museums mit Kaffee und Kuchen und besuchen noch die im Keller untergebrachte Sonderausstellung über Weihnachtskrippen. Ein paar Fotos vor dem Museum und im Schlosspark sollen an diesen interessanten Ausflug erinnern. Leider sind die Wege im Park mit Glatteis bedeckt und so verzichten wir auf einen Rundgang. Vom Schlossberg führt ein steiler Weg an der Burg Lichtenstein vorbei in die Stadt, die in einem Talkessel liegt. Wir kehren unterhalb der Burg um, trinken am Auto einen Becher Tee und machen uns gegen 14 Uhr auf die Heimfahrt. Das Wetter ist etwas besser als auf der Hinfahrt und ab Gera hört sogar der Nieselregen auf. Bei Ronneburg sieht man südlich der Autobahn drei kegelförmige Abraumhalden vom Uranbergbau der ehemaligen Wismut AG. Gegen 15.30 Uhr sind wir wieder wohlbehalten in Halle. Dank an Euch, lieber Hans-Günter und liebe Christel, für den kulturellen Höhepunkt im Januar d. J. von Siegfried und Ruth.

Siegfried Huneck †, geschrieben am 18.01.2004